Würden Sie Edward Snowdens PGP-Key signieren?

Wir alle sollen verschlüsseln. Am besten alles, und jederzeit. Schließlich wollen wir ja nicht, dass die NSA oder gar der BND unsere Mails liest oder die Passwörter zu unseren Blogs kennt, oder? Unabhängig von der Problematik, einen massiven Verstoß gegen die Bürgerrechte so achselzuckend abzutun, „man kann ja eh nichts machen“, und nur noch eine komplizierte Form von Selbstschutz als Alternative anzugeben, gibt es auch Probleme mit dem PGP-everything-Mantra: Wie komme ich an den Key meines intendierten Kommunikationspartners? Und woher weiß ich, dass es wirklich der richtige Key ist?

Anlass für diesen Artikel ist eine Reihe von gefälschten PGP-Keys (u.a. 1, 2, 3, 4), die als Proof of Concept erstellt und in den größten Keyserver-Pool geladen wurden. Diese Fakes sind noch relativ offensichtlich, da sie nur eine Identität (E-Mail-Adresse) enthalten und nur selbst-signiert sind. Es wäre aber kaum mehr Aufwand, ein Netz an falschen Identitäten zu erstellen und damit andere falsche Keys zu signieren. Die von PGP-Erfinder Phil Zimmermann vorgesehen Lösung für diese Probleme ist das sogenannte „Web of Trust“, das Vertrauensnetz. Die Theorie ist, dass alle nur Keys signieren, wenn sie die Identität ihrer Besitzer geprüft haben, und dass man andererseits nur den Signaturen von Menschen traut, deren Keys von jemandem signiert wurden, den man kennt, und so weiter.

Gleichzeitig empören wir uns darüber, dass diverse Geheimdienste unsere Verbindungsdaten analysieren, um herauszufinden, mit wem wir häufig kommunizieren, wen wir kennen, wem wir vertrauen. Das Web of Trust liefert diese Daten frei Haus. Die PGP-Key-Signing-FAQ schreibt dazu nur „Remember that signing a person’s key says nothing about whether you actually like or trust that person or approve of his/her actions.“

In einer Welt, in der Verbindungen verdächtig sind, klingt das hohl. Als Ergänzung oder Alternative zum Signieren kann – und sollte – man seinen Key daher auch auf mehreren Wegen zur Verfügung stellen. Außerdem sollten Keys von Kommunikationspartnern immer auf verschiedenen Kanälen verifiziert werden, z.B. per Mail und Telefon, oder Twitter und einen Chatkanal etc.

Wer mir verschlüsselte Nachrichten schicken möchte, kann den Key 0x79ACF996 verwenden, der von Keyservern, von Dropbox und von diesem Server abgerufen werden kann. Die ID kann gerne auf anderen Kanälen nochmal verifiziert werden.

Zucker für den Geist

Skandale hier, Empörung dort, leidende Menschen in dieser Region und Demonstrationen in jener. Schlagzeilen — „Nachrichten“ — sind überall, und sie ähneln sich, vor allem in einer Sache: Sie sind ohne Substanz, und sie sind für unser tägliches Leben ohne Relevanz. Und dennoch konsumieren die meisten Menschen sie, täglich, oder, im Internet-Zeitalter kein Problem, auch mehrmals täglich.

Wozu? Eine Empörungswelle jagt die nächste, morgens im Büro kann man sich über die tagesschau von gestern echauffieren, im Altherrenclub muss man die richtige Zeitung dabei haben, auf Papier, versteht sich, und hast du gehört, was in der Türkei gestern wieder passiert ist? Die allermeisten Nachrichtenmedien sind Akkupacks für Smalltalk, die Hanky-Codes der Bildungselite, oder eine gesellschaftlich legitimierte Form der gesellschaftlichen Stratifizierung. Berichtet wird, was die Leser wollen; so selektiert sich die Leserschaft wiederum selbst, und jede Tageszeitung erarbeitet sich eine Nische, jede Wochenzeitung hat „ihre“ Leserschaft, und wer die FAZ und die WELT und die ZEIT liest, der ist wohl nicht ganz richtig im Kopf.

Die Gier nach Schlagzeilen ähnelt dabei der Gier nach Süßigkeiten. Vor ein paar Zehntausend Jahren war es dem Überleben zuträglich, eine einfache, schnelle und risikoarme Quelle für Energie zu finden: Beeren und Früchte bieten für einen gewissen Zeitraum des Jahres Glucose und Fructose an, man muss sie nicht erkämpfen, sondern bestenfalls vor den anderen Tieren finden. Entsprechend belohnt unser Gehirn den Konsum von Zucker mit der Ausschüttung von Botenstoffen, die positive Gefühle auslösen und somit das Verhalten bestärken. Heutzutage sind Kohlenhydrate in jedweder Form nicht nur verfügbar, sondern unglaublich billig, und es ist schwer, ihnen zu entkommen, besonders weil wir immer noch die selbe Belohnungsreaktion haben.

Mit „den Nachrichten“ geht es analog zu: In kleinen Gemeinschaften von Jägern und/oder Sammlern ist jedes bisschen Information potentiell überlebenswichtig. Von der Kenntnis des Terrains und der „Mitbewerber“ (andere Raubtiere) bis zu dem gossiping über soziale Verhaltensweisen anderer wird jede Information gierig aufgesogen und gespeichert. Doch dann kam die Kultur, und mit ihr die Kulturtechnik der schriftlichen Überlieferung, und der Hockey Stick der Zivilisation erreichte seinen Inflection Point: Von Steintafeln über Leder und Papyrus zum Buchdruck, zu Tageszeitungen und Telegraphie und dem Radio, dem Fernsehen und schließlich der weltumspannenden Vernetzung steigerte sich die Schlagzahl exponentiell. Heute kann man ohne Probleme mehrere Hundert Nachrichtenquellen vermengen und konsumieren. Ohne dem Kulturpessimismus das Wort reden zu wollen: Wir sollten eingehend hinterfragen, ob wir diesen technologischen Mitteln mit den archaischen Denkschemata der Steinzeit begegnen wollen und können.

Das Problem ist nicht der Journalismus, per se. Es gibt tiefschürfende Analysen, hervorragende Reportagen, die Hintergründe erklären, Verbindungen aufzeigen, ins Detail gehen. Die mensch Dinge über die Welt lehren. Denn natürlich leben wir in einer Welt, die nicht nur wirtschaftlich globalisiert ist, sondern auch technologisch und militärisch mobilisiert. In der uns eben auch Dinge betreffen können, die auf der anderen Seite der Erde passieren, oder ein paar Länder weiter, oder im Haus nebenan. Deshalb geht es sicher nicht darum, dem Journalismus abzuschwören. Aber tun wir uns einen Gefallen mit dem häppchenweisen Konsum von kleinsten Bröckchen aus dem wenig nahrhaften Strom der Headlines? Oder beschäftigen wir uns nur damit, uralte Triebe zu befriedigen, wie eine Ratte, die immer wieder einen Hebel drückt? Wollen wir diese sehr naive Form des Glücks voll auskosten, um am Ende biologisch befriedigt mit einem boulevardesken Lächeln im Gesicht zu sterben?

Ich möchte das nicht. Ich habe mich diesem Sog entzogen und nutze die Möglichkeiten der vernetzten Welt — Zivilisation hat ja nicht nur Nachteile — um mich zu weniger Themen tiefergehend zu informieren. Oder um mir möglichst aktiv und möglichst breite Informationen ungefiltert zu verschaffen: Ungefiltert von „was die Leser wollen“, weil ich so viele Quellen zur Auswahl habe. Ungefiltert von der Weltsicht eines Autors oder einer Redaktion, weil ich so viele Autoren und so viele Redaktionen auswählen kann, wie ich möchte. Natürlich, Objektivität wird eine Illusion bleiben, so lange Menschen involviert sind. Doch die Möglichkeiten sind so viel besser geworden. Medienkompetenz bedeutet sowohl, gewisse Medien bewusst nicht zu nutzen, als auch die Arbeit selbst zu machen, die man früher an Redaktionen und Herausgeber ausgelagert hat: Die Selektion der Quellen, die Entscheidung, über welche Themen man sich wie tief informieren möchte, und schließlich auch die Entscheidung, worüber man sich empört: Welche Anliegen sind mir wirklich wichtig genug, um meine Energie hinein zu stecken, länger als die paar Tage Halbwertszeit eines durchschnittlichen Aufmachers?

OHM2013: Tickets for sale

Update: Tickets are gone, please don’t send any more emails or tweets 🙂

There has been a lot of discussion about Observe, Hack, Make 2013 that I don’t feel like repeating here. Suffice to say that neither I nor my friends are going to OHM because of the Fox-IT debacle. You are welcome to form your own opinion, by reading puscii’s first article, the response from groente of OHM, the official OHM stance from the sponsor FAQ, this blog entry by Fox-IT and this whitepaper by Fox-IT (PDF). German readers can also read some background at SPON or Fefe.

So, should you decide to go to OHM, I’m selling two tickets for 180€ each, and two T-Shirt vouchers (1xM, 1xWM) for 20€ each. Send me an email or @reply if you’re interested. Official prices are now higher than this.

Kundenbeziehungen

Ach, DHL, es ist ein Kreuz mit dir. Irgendjemand schickt mir ein Paket, ohne es mir zu sagen, ich bin nicht zuhause, als es am 30. Mai (angeblich, man weiß ja von genügend Fällen, wo eine Zustellung nur behauptet wurde) das erste mal zuzustellen versucht wurde, zwei Tage später (am 1. Juni) finde ich eine Benachrichtigungskarte in der Post. Nun, da war ich grade auf dem Weg nach Berlin, aber hey, man kann eine Zweitzustellung beantragen! Bis zu 7 Werktage ab dem Tag, der auf die Benachrichtigung folgt!

…

Über ein Kontaktformular, das eine Mail an einen Menschen schickt.

Okay, well, let’s do that then. Schon nach wenigen Stunden eine Antwort, bei DHL ist der Samstag ein Werktag, und die Benachrichtigung war ja am 30. (wo sie geschrieben wurde), nicht etwa am 1. (als ich sie bekommen habe), und deshalb geht die Zweitzustellung nur zwischen Mittwoch, dem 5., und Freitag, dem 7., und nicht etwa am Samstag, wo Menschen evtl. sogar zuhause wären. Deshalb tragen sie die Zweitzustellung einfach mal für den Mittwoch ein, wenn das bei mir nicht ginge, solle ich mich schnell nochmal melden. Über eine Nachfrage vergeht der Tag, am nächsten Tag gibt es keine Antworten mehr, bis dann am Nachmittag ein „jetzt können wir’s nicht mehr ändern“ kommt („Eine Stornierung Ihres Auftrages zur Zweitzustellung ist aufgrund der Fristüberschreitung nicht mehr möglich.“, ein Musterbeispiel an schlechtem, passiven, Verantwortung ablehnendem Deutsch). Schade, dabei wäre es deutlich leichter gewesen, das Paket in der von 10–18 Uhr offenen Filiale abzuholen, als auf eine Lieferung zu warten (pull vs. push). Also bleibt meine Freundin einen halben Tag zuhause, um die Zweitzustellung anzunehmen. Um ganz sicher zu gehen, bitten wir unsere Nachbarn (ein Ladengeschäft), ausnahmsweise ein Paket anzunehmen, und hängen einen Zettel an die Tür. Falls DHL unerwartet vormittags kommt. (Während wir diesen Plan schmieden, kommt eine Mail von DHL mit dem Hinweis, dass die Bearbeitung meiner Mails länger dauert und sie um Geduld und EntschuldigungVerständnis bitten.)

Jetzt sind seit dieser Mail knapp 30 Stunden vergangen, die Frist für die Zweitzustellung ist abgelaufen, das Paket kam nicht an, das Track & Trace funktioniert nicht, aber in der Filiale ist es offenbar auch nicht – das Paket ist im Limbo, und bei DHL ist nichts und niemand zu erreichen.

Also nochmal alle Facts zusammen: Paket, nicht zugestellt am 30.05., Benachrichtigung kam am Samstag, dem 1.6., Zweitzustellung geht daher nur zwischen Mittwoch (heute) und Freitag, aber NICHT an diesem Samstag, weil Samstage als Werktage zählen. Die Filiale wiederum hat von 10–18 Uhr geöffnet, also zu anderer Leute Arbeitszeiten, und am Samstag, wo man vielleicht zwischen 9 und 14 Uhr hin könnte, ist das Paket schon weg. Ersatzzustellung in Packstation geht nicht (schließe ich mal daraus, dass ich keine Antwort auf die Frage erhalten habe), ebenso wenig an eine andere Adresse, z.B. den Arbeitsplatz (schließe ich aus dem gleichen Grund). Also nimmt sich meine Freundin einen halben Tag frei, um das Paket heute annehmen zu können (ich bin noch in Berlin). Resultat: Kein Paket! Wer hätte es gedacht! Und auch keine Möglichkeit, nochmal zuhause zu bleiben (weil, well, heutige Arbeitswelt und so) oder zur Filiale zu gehen (weil, nun ja, das Paket nicht mehr dort ist, aber selbst wenn, ist es illusorisch, zwischen 10 und 18 Uhr dort hin zu kommen).

Ach, DHL. Wenn ich wenigstens euer Kunde wäre, könnte ich ja wirtschaftlichen Druck ausüben. Aber so geht das Paket zurück an den Absender (den ich nicht mal kenne) und es ist sein Problem. Und in Richtung Versender (= Kunden) funktioniert der Wettbewerb ja offenbar, wenn ich daran denke, zu welchen Spottpreisen wir früher im E-Commerce Pakete versendet haben (z.T. unter der Hälfte des günstigsten Endkundenpreises, bei vergleichsweise niedrigem Volumen). Aber für die Auslieferung seid ihr zu inkompetent (bestenfalls) oder bösartig (schlimmstenfalls) um erfüllbare Routen zu planen und den Zustellern ein angemessenes Gehalt zu zahlen?

Ich verstehe nicht, wie irgend jemand immer noch mehr „freie Marktwirtschaft“ fordern kann. Selbst wenn ich persönlich davon direkt profitieren würde, würde mich die Ineffizienz und Schlechtigkeit dieses Systems ankotzen.

Ach, DHL.

We are watching you

Auf netzpolitik.org gibt es jetzt eine interaktive Karte der Besucherbewegungen auf der re:publica 2013, visualisiert anhand von Verbindungsdaten der WLAN-APs. Ich finde es bereits kritisch, dass diese Daten überhaupt gespeichert wurden, ohne dass die Besucher vorher darauf hingewiesen wurden. Durch die MAC-Adresse können die Bewegungsprofile an Geräte und somit an Personen geknüpft werden, sie darf daher m.W. nicht im Klartext gespeichert werden. Veröffentlicht wurden die Bewegungsdaten jedenfalls pseudonymisiert; die MAC-Adresse wurde durch eine fortlaufende Gerätenummer ersetzt.

Auch ohne MAC-Adressen kann man allein durch die Abfolge von Zeit und Ort durch z.B. Korrelation mit Tweets, Checkins oder Bildern jede ID einer Person zuordnen. Ähnliches geht auch mit Bewegungsdaten z.B. durch Funkzellen; schon vor Jahren habe ich das mal mit Testdaten eines Location Based Service ausprobiert, wo ich auch ganz ohne irgendeine Personen-Referenz klare Benutzerprofile erstellen konnte, teilweise sogar bis zur Heimatadresse.

Ich halte das für datenschutzrechtlich höchst bedenklich, was hier ohne Ankündigung und Einwilligung geschehen ist.

  1. Es reichen im Schnitt 7 Datenpunkte zur Personenzuordnung.
  2. Es geht nicht um Tweets mit GPS-Koordinaten; auch Inhalte, Referenzen auf Vorträge, #stageX hashtags und Fotos von Slides können ausreichen.
  3. Tweets sind aktiv, ich entscheide, meine Position zu sharen. Hiermit kann ich nachsehen, wo jemand war, als sie nicht getweetet hat. Um wie viel Uhr kam jemand zur rp13, nach Tag geordnet? Wie viel Zeit hat sie in Raucherpausen verbracht? Wie lang war sie auf der Party? Wann auf dem Klo? Aus welchen Sessions ging er verfrüht raus? Etc.pp.

Ich habe persönlich kein Problem damit, meine Daten so auszuwerten oder auswerten zu lassen, so viel Spackeria bin ich dann doch. Aber ich halte es für fahrlässig, anderer Leute Daten so zu veröffentlichen. Für ein Beispiel der Deanonymisierung sei nur an die AOL-Suchanfragen-Sache und so weiter erinnert.

Diverse Stellungnahmen findet ihr in den Kommentaren bei den verlinkten Artikeln.

Update: Weil es relevant ist, ein Guardian-Artikel zum Thema Deanonymisierung und Datenschutz.

re:VISION! re:ACTION! – re:publica 2013

Die re:publica 2013 ist vorbei, seit ein paar Tagen schon, und alle schreiben ihre Reviews. Ich möchte daher gar nicht so in die Breite gehen, das meiste wurde schon mehrfach gesagt (z.B. bei Frau Honig), aber ein paar Dinge möchte ich unterstreichen, weil sie mir wichtig sind.

Am ersten Tag hatte ich sehr, sehr stark das Gefühl, als sei ich auf der re:publica 2009 gelandet. Natürlich in einer größeren Location und mit mehr Besuchern, aber thematisch? Netzneutralität, Drosselkom, Leistungsschutzrecht, Datenschutz, das klingt alles vage vertraut, und wir gehen die Themen auch noch mit den Mitteln von 2009 an: Eine Online-Petition, aber nicht einmal im offiziellen E-Petitionssystem, gegen die Pläne der Telekom? Avatar-Badges gegen das Leistungsschutzrecht? Blog-Banner für die Netzneutralität? Ich möchte gar nicht gegen die Aktivistinnen schießen, die die Aktionen gestartet und viel bewegt haben. Mich traf nur die Erkenntnis eher überraschend, dass wir trotz allen Gesellschaften und Vereinen und Parteien immer noch keine Netzlobby auf die Beine gestellt haben, und dieses „wir“ schließt mich natürlich mit ein, denn nach dem Höhenflug der Netzsperrenpetition dachte ich bei jeder neuen Bedrohung, dass auch das sich sicher lösen lassen würde.

Am Ende der re:publica hatte ich wieder etwas mehr Hoffnung. Es geht voran, mühsam zwar, aber stetig. Aber wir haben trotzdem ein gigantisches Mobilisierungsproblem. Clicktivism verleitet dazu, sich nach dem Ändern seines Twitter-Avatars befriedigt zurückzulehnen.

Ja, es ist nicht einfach. Unsere Themen sind komplex und werden immer abstrakter. Wie erklärt man jemandem, der nicht seit Mitter der Neunziger im Netz ist, was Netzneutralität ist und warum sie wichtig ist? Welcher Zeitungsleser versteht auf Anhieb das Problem mit dem Leistungsschutzrecht, wenn sogar viele „Digital Natives“ es nicht erkennen?

Um Politik zu machen, gibt es viele Möglichkeiten, aber grob kann man sie unterteilen in Aktivismus, wo man viele Menschen davon überzeugen muss, eine politische Forderung mitzutragen, und Lobbyismus, wo man auch unpopuläre Entscheidungen „durch“ bekommt, indem man nur oft genug mit Politikern im Café sitzt und an den richtigen Stellen ein paar größere Parteispenden einsetzt. Übertrieben? Vielleicht. Aber nicht ganz falsch. Und „wir“, dieses nebulöse „wir“, die „Netzgemeinde“, wir können momentan weder ausreichend viele Menschen mobilisieren, die mit Transparenten und Treckern Druck auf der Straße machen, noch können wir glaubhaft oder effektiv Lobbyarbeit leisten – wir haben keine Vollzeitlobbyisten, keinen direkten Draht zu den meisten Politikern, können keine großen Spenden platzieren, und können auch nicht mit dem Verlust signifikanter Wähleranteile drohen. Sogar bei recht guten Vorlagen wie der „Drosselkom“ bleiben wir eigentlich ganz nett und erklären ausführlich und balanciert, weshalb gewisse Argumente des politischen Gegners nicht einhundertprozentig wahrheitsgetreu sind. In den Massenmedien laut, bestimmt, und unbalanciert aussprechen, dass die Gründe der Telekom erstunken und erlogen sind? Dass es um reine Profitgier geht? Zum Gegenschlag ausholen, dass die Telekom ihr Netz vom Steuerzahler geschenkt bekommen hat? Fehlanzeige. Das sparen wir uns für die Rants in unseren Blogs auf, die niemand liest. IN/SIDE/IN.

Was machen wir also falsch? Wenig, denn wir machen wenig. Wir kämpfen mit den Mitteln der Zukunft für die Zukunft und lassen dabei außer Acht, dass die Politik der Gegenwart eben noch nicht mit Twitter und Blogs zu gewinnen ist. Klar müssen wir auch untereinander reden und uns Positionen erarbeiten, vertreten werden müssen sie vor allem „denen da draußen“ gegenüber. Von Menschen, die sich in den Politikbetrieb einbringen können. Entweder tun wir das selbst – und es ist ein Knochenjob – oder wir geben endlich Organisationen wie der Digitalen Gesellschaft, D64 und netzpolitik.org die nötigen Mittel an die Hand, und stellen egoistische oder parteipolitische Kurzfristziele hinter die großen Ideale zurück. IN/SIDE/OUT.

Wie viel ist uns unser (gar nicht mehr so) freies Netz wert? Unsere Datenhoheit, unsere Selbstbestimmung?

Die eigentlich mächtige Vorstellung ist die Utopie einer Gesellschaft, die mehr wie das Netz ist. Wo alle gleiche Möglichkeiten haben, wo jede sich darstellen kann, wo mensch kreativ, kollaborativ, unkommerziell an Ideen und an Artefakten arbeitet, kurz: eine bessere Welt.

Was ist uns eine bessere Zukunft wert? Und wie überzeugen wir die Gegenwart?

raised fist mouse cursor

IN/SIDE/OVER AND OUT.

Links der Woche (2013W12)

Politisches & Ökonomisches

Unsere Mütter, unsere Fehler

Sascha Lobo zum Leistungsschutzrecht. Ich erkenne da ein gewisses Thema „Die Netzgemeinde versagt“ in letzter Zeit.

LobbyControl: Intransparente Parteienfinanzierung

Die Bundestagsverwaltung veröffentlichte gestern die Rechenschaftsberichte der Parteien für das Jahr 2011. Die Berichte offenbaren erneut gravierende Regulierungslücken bei der Transparenz der Parteienfinanzierung.

Die 20 größten Parteispender 2011

Gut 3,6 Mio. Euro haben die 20 größten Parteispender damals an die Parteien im Deutschen Bundestag überwiesen […].

Das Video ist auch interessant. Legt die Piratenpartei eigentlich alle Spenden offen?

Wie die Finanzdaten der Euroländer manipuliert werden

Das Rechenkunststück der Volkswirte bestand darin, die Schulden immer nur in Prozent des BIP zu messen. Was in keiner Unternehmensbilanz zulässig ist, nämlich eine Fließgröße (das BIP) in Relation zu einer Fixgröße (die Staatsschulden) zu rechnen, ist in der VWL Standard.

Diamonds are Bullshit

So here is a modest proposal: Let’s agree that diamonds are bullshit and reject their role in the marriage process. Let’s admit that as a society we got tricked for about century into coveting sparkling pieces of carbon, but it’s time to end the nonsense.

Nichts wirklich neues, aber schön zusammengeschrieben. Über intrinsische Werte, oder eben auch nicht.

Technisches

schema.org

This site provides a collection of schemas, i.e., html tags, that webmasters can use to markup their pages in ways recognized by major search providers. Search engines including Bing, Google, Yahoo! and Yandex rely on this markup to improve the display of search results, making it easier for people to find the right web pages.

Webflow – Design Responsive Websites Visually

Webflow enables you to create responsive layouts and pixel-perfect designs directly in your browser, without writing a single line of code.

Oft versprochen, nie erreicht, aber Webflow ist schon auf ziemlich gutem Wege. Auch interessant: Die Diskussion auf Hacker News.

CSS EXPLAIN – SQL EXPLAIN, for CSS

Wer sich schonmal fragte, warum genau eine Regel nun das tut, was sie tut, oder nicht.

Lebendiges

Statistiken und Risiken zur Kondombenutzung

In truth, condom failures are most often caused by errors in use, “most notably the failure of couples to use condoms during every act of sexual intercourse.”

I’m a loser and I want to change that – now

„You’re not a loser, so get that disempowering thought out of your head forever. […] Fuck luck. Just quit your stinkin’ thinkin’ and get to work.“ — edw519

Hint: Der wichtige Teil sind die Kommentare.

Anaïs Nin (Quotes)

„Life shrinks or expands according to one’s courage.“

Foto-Klau – was tun?

Immer mal wieder kommt es vor – man findet seine eigenen Fotos auf irgendwelchen Webseiten oder in irgendwelchen Publikationen. Gerne auch auf bei Zeitungen oder Magazinen, manchmal als Werbung für Veranstaltungen oder Produkte. Was kann man in so einem Fall tun?

Vorab der Disclaimer: Ich bin kein Anwalt. Wer rechtssichere Beratung will, sollte gleich zu einem Anwalt gehen. Der Artikel gibt mein Wissen, nach bestem Gewissen, wieder.

Ist das Foto geschützt?

Gesetzlich geschützt ist jedes Foto, das eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht (§§ 2, 72 UrhG). Die angelegten Maßstäbe sind sehr gering – ich kann also meist davon ausgehen, dass ein Foto, das ich angefertigt habe, auch Urheberrechtsschutz genießt.

Besitze ich die Rechte am Foto? Hat der Verwender eine Lizenz?

Wenn ich ein Foto anfertige, habe ich üblicherweise auch die Nutzungsrechte daran. Anders ist es eventuell bei Auftragsarbeiten o.ä., wenn ich meine Nutzungsrechte abtrete, oder wenn ich bspw. einen Exklusivvertrag mit einer Fotoagentur habe. In diesen Fällen sollte man aber selbst wissen, welche Rechte noch beim Urheber liegen.

Ob der Verwender eine Lizenz hat, lässt sich im Normalfall auch leicht klären, da die meisten wohl keine Dritten mit der Lizenzierung ihrer Bilder beauftragt haben. In dem Fall kann der Verwender also keine Nutzungsrechte haben. Falls man seine Fotos bei einer Fotodatenbank oder Agentur hochlädt, sollte man genau prüfen, ob hier Nutzungsrechte übertragen wurden.

Wenn man die Rechte am Bild besitzt und dem Verwender keine Lizenz erteilt hat, begeht der Nutzer eine Urheberrechtsverletzung und öffnet sich damit Unterlassungs- und Schadenersatzansprüchen.

Schadenersatzpflicht

Gemäß § 97 UrhG ist der Rechtsverletzer zu Schadenersatz verpflichtet. Am häufigsten greift man hier auf die sogenannte „Lizenzanalogie“ zurück, man fragt sich also, was der Nutzer des Bildes für die legale Nutzung hätte zahlen müssen. Die Höhe des Schadenersatzes richtet sich in solchen Fällen üblicherweise nach den Honorartabellen der Foto-Marketing-Vereine, beispielsweise denen der MFM Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing; diese kann man für um die 30€ bestellen oder beim ver.di-Service mediafon online einsehen. In Fällen, wo der Urheber nicht genannt wurde oder gar eine fremde Urheberzeile ans Bild gepappt wurde, verdoppelt man die Forderung.

Da es sich hierbei um eine rechtliche Fiktion handelt, ist es auch nicht relevant, ob der Nutzer einen solchen Lizenzvertrag hätte abschließen wollen – für die Schadensersatzforderungen genügt der Nachweis des Verschuldens, also entweder Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Das nachzuweisen, dürfte selten ein Problem sein – wer Fotos nutzt, die er nicht selbst angefertigt oder lizenziert hat, wird regelmäßig nicht die „erforderliche Sorgfalt“ angewendet haben.

Einfordern

Der einfachste Weg ist eine simple Rechnung an die rechtsverletzende Person oder das Medium. Man bezieht sich auf die URL, wo die Bilder genutzt werden, erklärt, dass man die Rechte an den Bildern besitzt, und dass diese unerlaubt verwendet wurden. Im Idealfall akzeptiert die Gegenseite das und zahlt den geforderten Betrag. Damit ist das Thema erledigt.

Weitaus häufiger wird man versuchen, sich rauszureden. Von „Oh, wussten wir nicht, wir ändern das“ über diverse vorgeschobene „Der Praktikant war’s“-Variationen bis zu „Das ist uns viel zu teuer“ hört man alles mögliche. Ich empfehle, einerseits Augenmaß zu bewahren – zu Privatpersonen bei Nutzung in nicht-werblichem Kontext kann man auch (einmal!) nett sein – andererseits aber auch die nötige Härte zu zeigen. Gerade wenn es um die Nutzung in einem Pressemedium oder auf einer werblichen Seite geht. Stumpf gesagt: Die „alten Medien“ haben dem Internet den Krieg erklärt, Fotoagenturen und Zeitungen mahnen Blogger für Fotos ab, ich sehe also nicht ein, weshalb „wir“ da Gnade zeigen sollten.

Abmahnung

Sollte der Gegner seine Rechtsverletzung partout nicht einsehen, folgt als nächstes Mittel eine förmliche Abmahnung, also eine Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung, verbunden mit einer Schadenersatzforderung. Der nächste Schritt wäre dann der Gang vor Gericht. In beiden Fällen empfehle ich einen Anwalt hinzuzuziehen, der sich mit Urheberrecht auskennt. Da Kostenrisiko ist in den meisten Fällen überschaubar. Eine kurze Beratung bekommt man häufig auch kostenlos.

Post-Pirat

Wer von der real existierenden Piratenpolitik oder dem ganzen Bohei drumherum enttäuscht ist und daher austreten möchte, kann das ganz einfach wie folgt tun. Ich empfehle übrigens aus Bürokratiegründen, das ganze schriftlich per Post zu machen. Ihr könnt es natürlich auch per E-Mail, Fax, oder Pony-Express versuchen. In dem Fall bitte ich um Feedback, ob das funktioniert hat.

Adressieren solltet ihr euer Schreiben an den für euch zuständigen Landesverband. Eine Liste der Landesverbände gibt es im Piraten-Wiki, dort klickt man auf sein Bundesland und dort dann ggf. auf „Geschäftsstelle“. Am Beispiel Berlin wäre das die Seite BE:Geschäftsstelle, die die Post- und E-Mail-Adresse der Landesgeschäftsstelle verrät.

Der Inhalt des Schreibens ist dann recht simpel:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zum guten Stil gehört eine Ansprache. Ich habe mich für die klassische Version entschieden, aber natürlich kann das jeder nach Gusto anders machen. Alternativen z.B.: „Sehr geehrte Menschen“, „Sehr geehrte Eichhörnchen“, o.ä.

hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der Piratenpartei.

Das ist das Wesentliche. Jegliche Ausschmückung ist hier unangebracht.

Bitte bestätigen Sie den Austritt postalisch oder per E-Mail an [E-Mail-Adresse].

Sinnvollerweise setzt man hier die eigene E-Mail-Adresse ein. Außerdem hilft es, eine Absender-Postadresse anzugeben.

Hier könnte man jetzt noch seine Entscheidung ausführlich begründen. Oder man schreibt einen weinerlichen Blogeintrag dazu und verlinkt diesen. Oder man schreibt einen offenen Brief, den man auf seinem von drei Freunden gelesenen Tumblr veröffentlicht. Oder man brennt mit einem Lötkolben eine Botschaft auf Alufolie, fotografiert das ab, und erntet eine flickr-most-interesting-Badge damit.

Oder man lässt das Begründen einfach sein. Bringt ja eh nix.

Mit freundlichen Grüßen

Auch wieder eine Sache von Stil und Höflichkeit. Alternativ: „Mit Aluhut“, „Postgender Ahoy“, oder „Heil Lauer“.

[Eure Unterschrift]

Der Form halber.

[Euer Name]

Alternativ: Euer Twitter-Nickname, eure 21-stellige Google+-ID, eure URI, ein Blutstropfen, oder eine Creeper-Card.

Das ganze packt man dann in einen Umschlag, klebt eine 58-Cent-Briefmarke vom Automaten (oder Internet-Porto!) drauf, und wirft es in einen Briefkasten. Quellen für Briefmarken und Standorte von Briefkästen findet man mit der Standortsuche der Post.

Dann setzt man sich einen wiederkehrenden Reminder, der einen einmal pro Woche veranlasst, empört bei seinem Piraten-LV nachzufragen, warum man noch keine Bestätigung seines Austritts hat. Bei mir hat es knapp zwei Monate gedauert.

Hat man die Bestätigung, löscht man den wiederkehrenden Termin und schreibt ein Blogpost, mit dem man anderen den Austritt erleichtert.

Die neue Utopie, oder: Holt euch das Netz zurück

Das Web ist tot. Das Web lebt. Das Netz verrottet und stinkt schon. Schnittstellen haben nichts mit Messern zu tun. Und Inhalt hat keine Zukunft.

Damals habe ich mich gefreut, als flickr seine Machine Tags ankündigte. Ich habe meine Konzertfotos brav mit @lastfm:event=id getaggt und mich gefreut, dass sie so magischerweise direkt auf den zugehörigen Seiten bei last.fm auftauchten, einfach so durch Interoperabilität und Strukturen.

An das XFN erinnert sich vielleicht noch jemand. Damit konnte ich auf meiner eigenen Webseite, einfach durch bestimmte Werte im rel-Attribut eines Links, einen Social Graph aufspannen. Quasi Freundeslisten, ganz ohne Facebook. Oder Diaspora. Oder irgendwas, was auf jemand anderes Webserver läuft. Nur mit ein wenig Shell Scripting konnte ich mir meinen Social Graph visualisieren, analysieren, slicen und dicen nach gusto. Keine Diskussion über Terms of Service, über robots.txt und Leistungsschutzrecht, über Netzneutralität und bevorzugte Behandlung, es gab nur Daten und Zugänge. Man war entweder im Internet oder nicht.

Noch vor ein paar Monaten habe ich mit Nils diskutiert, über Feeds und Atom und offene Standards und Interoperabilität und Principle of Least Power und Single Responsibility und viele andere Dinge mehr. Spätestens der Sturm im Wasserglas um Instagram dürfte klar gemacht haben, dass Leute wie Nils recht haben.

Meine Daten gehören mir. Meine Daten gehören auf meinen Server. Meine Daten sollen in dokumentierten oder gar standardisierten Formaten maschinenlesbar verarbeitbar sein, ohne dass Menschen sich durch API-Hoops, OAuth-Grütze, und Rate Limits schlagen müssen. Ohne Privacy-Einstellungen, dafür mit permanenten URLs, einem Verständnis, was “Veröffentlichung” bedeutet, Medienkompetenz, und Umgang mit sowie Diskussion von Inhalten. Was ich ins Netz stelle, ist öffentlich, außer ich schütze es.

Wir lebten beinahe schon in der Zukunft – bevor wir sie auf dem Altar der Bequemlichkeit geopfert haben. Wir als Nutzer haben die mögliche Zukunft aufgegeben; wir als Entwickler haben die Zukunft nicht einfach genug gemacht. Wir alle haben versagt.

Es ist noch nicht zu spät für eine neue Utopie.

(Dieser Eintrag lag seit dem 29. Dezember in meinen Drafts herum und wurde nun endlich, mit kleinen Änderungen, veröffentlicht. Entschuldigt die Verspätung.)