Misstrauensbasis

Ein Freund erzählte mir neulich von einem Erlebnis in Berlin. Er arbeitet als Freelancer und verbringt gerade etwa die Hälfte seiner Zeit dort. Einmal wollte er sich was zu essen holen, bemerkte aber erst beim Bezahlen, dass er sein Portemonnaie nicht dabei hatte. „Kein Problem”, sagte der Mensch hinter dem Tresen, „zahl’s einfach nächste Woche“.

Ein anderes Mal passierte eine ähnliche Situation bei einem Friseurbesuch: Kein Bargeld dabei. Direkt um die Ecke wäre ein Geldautomat gewesen, trotzdem wurde ein Pfand gefordert und sich Personalausweisnummern etc. notiert.

Der erste Fall ist offensichtlich eine deutlich bessere Erfahrung für alle Beteiligten: Obwohl es keine vorige längere Kundenbeziehung gab – er war kein Stammgast, und der Imbiss hat einen sehr hohen „Durchsatz“ – gab es einen Vertrauensvorschuss und die ganze Sache war schnell geregelt. Die meisten Menschen wollen ein solches Vertrauen auch nicht enttäuschen: Unehrlichkeit und Ausnutzung „des Systems“ geschieht fast immer nur dann, wenn die Beteiligten sich nicht wertgeschätzt fühlen. Aber selbst, wenn mein Bekannter nicht irgendwann in den nächsten Tagen gezahlt hätte, wäre der Verlust für den Verkäufer verschmerzbar gewesen. Die Abwägung war also: Aufwand für den Verkäufer, schlechte Erfahrung für den Kunden, Unterstellung von Misstrauen/Unehrlichkeit auf der einen Seite, versus einen Verlust von ein paar Euro Wareneinsatz auf der anderen Seite, davon ausgehend, dass das Risiko für einen Ausfall eher gering ist.

Im anderen Fall wäre die Abwägung genau die gleiche gewesen: Mit einem Kunden, dem die ganze Sache eh schon peinlich ist, über ein Pfand zu diskutieren, ist aufwändig und für beide Seiten unangenehm. Auch der potentielle Verlust ist eher niedrig, und auch im Ausfallrisiko unterscheiden sich die Fälle nicht. Hinzu kommt, dass in dem Fall bereits eine längerfristige Kundenbeziehung bestand. Trotzdem wurde der Weg des Misstrauens gewählt.

Meiner Erfahrung nach ist Vertrauen und guter Wille die beste Basis für Beziehungen mit anderen Menschen, gleich welcher Art. Es erfordert viel weniger kognitiven Aufwand, sich Warnungen für die paar Menschen zu merken, die Vertrauen enttäuscht haben, als sich für alle Menschen zu merken, was man ihnen wann weshalb gegeben hat. Ich erwarte auch keine Gegenleistungen für die meisten Dinge, und wenn, dann kommuniziere ich das so offen wie möglich. Für die meisten Interaktionen ist es schädlich, sie als Tit-for-tat-Transaktionen zu betrachten: Menschen sind soziale Wesen; Markttransaktionen außerhalb von klaren Märkten unnatürlich. Enttäuschte Erwartungen machen ebenso unglücklich wie das andauernde Gefühl, den meisten Menschen nicht trauen zu können.

Versucht das doch mal.

Amplification

In der IT-Sicherheit sprich man von „Amplification Attacks“, wenn ein Angreifer mit sehr wenig Einsatz seinerseits einen großen Effekt hervorrufen kann. Das geht zum Beispiel, indem man mit gefälschter Absenderadresse Anfragen an das DNS-System schickt – die Anfrage ist klein: „Welche IP hat moeffju.net?“, die Antwort ist (teilweise deutlich) größer. So kann man schon mit wenigen Megabit pro Sekunde eine gigantische Denial-of-Service-Attacke ausführen.

Jetzt, wo das wahre Ausmaß der geheimdienstlichen Eskapaden langsam in der Öffentlichkeit ankommt, und nicht mehr nur Stoff von belächelten Verschwörungstheorien ist, wird mir bewusst, dass Terrorismus im Grund nichts anderes ist als eine Amplification Attack. Relativ wenig Einsatz hat zu über zehn Jahren massiven Bürgerrechtsabbaus geführt und die Geheimdienste mächtiger als je zuvor gemacht. Die NSA überwacht sogar freundschaftliche Gespräche ohne großen politischen Hintergrund, bei denen ihr Präsident anwesend war – weil sie es können, technisch und politisch. Wer würde sich gegen einen solchen Apparat noch politisch wehren können, wenn der Geheimdienst Kompromat für jeden in der Hinterhand hat?

Und was wäre, wenn wir einfach den Staat und die Gesellschaft transparenter machten, so dass das Kompromat keines mehr ist?

Die Affäre-Affäre

Ich habe ein Problem mit dem Wort „Affäre“, da ich es als abwertend empfinde. Es setzt die anderen Beteiligten einer Beziehung herab und verkennt die Realität sowie das Ideal von Beziehungen. Auf Twitter ergab sich eine längere Diskussion aus meinen Tweets (1, 2, 3); da Twitter aber nun ganz und gar nicht für kohärente, ausformulierte Diskussion zu gebrauchen ist, hier die ausführliche Version.

„Affäre“ kommt aus dem Französischen und bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch einen Skandal oder eine sexuelle Beziehung, die häufig neben einer bestehenden Partnerschaft stattfindet (Wikipedia: Affäre).

Bereits im allgemeinen Sprachgebrauch sind also deutlich negative Konnotationen vorhanden: Eine Affäre ist Aufsehen erregend, anstößig, gesellschaftlich unerwünscht und muss deshalb möglichst verheimlicht werden, um die Beteiligten keinen Sanktionen auszusetzen. Außerdem wird es so vornehmlich als Gegenentwurf zur „eigentlichen“ Partnerschaft (gemeint ist hier die klassisch-konservative monogame romantische Zweierbeziehung, im Folgenden RZB) verwendet und bestärkt diese somit als „Normalfall“, von dem unterschieden wird. Diese Abgrenzung wäre nicht nötig, wenn damit nicht auch eine Wertung vorgenommen werden würde – eine Affäre ist also irgendwie schlechter oder weniger wert als eine RZB.

Die Abgrenzung zur „festen“ Partnerschaften setzt somit auch die Existenz und Unterscheidung von „Hauptbeziehungen“ und „Nebenbeziehungen“ voraus. Damit wird ein Beziehungsmodell verfestigt, welches harte Grenzen zwischen verschiedene Ebenen von zwischenmenschlichen Beziehungen behauptet: Menschen sind entweder fremd, bekannt, befreundet, haben Sex miteinander, oder lieben sich. Auch wenn Menschen gerne und häufig in starken Schwarz-Weiß-Mustern denken, um Dinge zu klassifizieren, so sind doch die allermeisten Wahrnehmungen und Interaktionen nicht klar unterscheidbar (diskret), sondern verlaufen im Gegenteil ineinander (sie sind kontinuierlich). Behauptet oder impliziert mensch, dass es klare Abgrenzungen gibt, verkennt mensch nicht nur eine Fülle von real existierenden Spielarten von menschlichen Beziehungen, sondern trifft auch eine normierende Aussage: Wer sich nicht in diesen Schubladen wiederfindet, wird verunsichert und unsichtbar oder nicht ernstgenommen, es ist also eine Form der Diskriminierung (siehe bspw. auch: Bisexual erasure).

In den Antworten bei Twitter gab es dann häufig den Versuch, den eigenen Sprachgebrauch zu ergründen und den Begriff „Affäre“ für sich selbst zu definieren bzw. die Verwendung des Begriffs zu rechtfertigen. Häufig wurde dabei genannt, dass „Affäre“ eine „Beziehung ohne Liebe“, „körperliche Beziehung“, „ohne romantische Gefühle“, eine „Sexbeziehung“, oder eine „nur Sex, aber nicht mehr“-Beziehung beschriebe. Auch wurde oft gesagt, „Beziehung“ meine mehr Verpflichtungen, mehr Fürsorge, oder mehr Nähe als „Affäre“.

Auch das halte ich aus mehreren Gründen für problematisch. Zuallererst gibt es meiner Erfahrung nach keine Beziehungen ohne Gefühle. Menschen sind fühlende Wesen. Selbst spieltheoretische Abwägungen werden in Gefühle kodiert und den allermeisten nur als „Bauchempfinden“ bewusst. Daher behaupte ich, dass niemand Beziehungen ohne Gefühle hat.

Aus den anderen Antworten ergibt sich aber, dass mit „ohne Gefühle“ wohl häufig „Sex, aber keine Liebe“ oder „Sex und nicht mehr“ gemeint ist. Hier wird vorausgesetzt, dass es eine strikte Ordnung von Beziehungsformen gibt und dass Sex weniger wert ist als Liebe. Außerdem schwingt mit, dass mensch für solche Beziehungen weniger oder gar keine Verantwortung übernehmen müsse. Beides halte ich für falsch und diskriminierend: Auch hier verkennt die strikte Folge implizit die Lebensrealität vieler Menschen und es werden Werturteile über bestimmte Beziehungsformen getroffen. Schließlich finde ich die Implikation, solche Beziehungen brauchten weniger Verantwortung, im Hinblick auf die Moral der Fürsorge verwerflich und gefährlich. Das Konzept „Beziehung ohne Gefühle“ halte ich insgesamt für stark kritikwürdig.

Ich behaupte (und lebe danach), dass alle Beziehungen, die Menschen miteinander haben, auf Liebe basieren, und nehme es in Kauf, dafür als Hippie bezeichnet zu werden. Ich lehne es ab, Beziehungen in Schubladen zu stecken und treffe keine diskrete Unterscheidung zwischen Bekannten, Freunden und Geliebten. Meine eigene Lebenserfahrung und die Beobachtungen in meinem Umfeld haben mich stark davon überzeugt, dass alle diese Interaktionen in einem Kontinuum von Liebe liegen. Beginnt mensch, willkürliche Grenzen zu ziehen, blendet mensch damit alles aus, was nicht explizit bedacht wird; die Vielfältigkeit von Beziehungen garantiert, dass dabei Dinge unter den Tisch fallen. Schließlich denke ich, die Welt könnte mehr Fürsorglichkeit und Verantwortung gebrauchen.

Daher bitte ich alle Leser_innen: Hinterfragt euren Sprachgebrauch und eure Grundannahmen. Und konkret zumindest: Überdenkt eure Nutzung des Wortes „Affäre“.

Arschlöcher

  • Wenn ihr Leute anrempelt, weil euer Termin so superwichtig ist, seid ihr nicht erfolgreich, sondern verhaltet euch scheiße.
  • Wenn ihr irgendwelche Angestellten oder Beamten zur Sau macht, weil sie nicht alle Regeln für euch brechen, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr im Bus hinten einsteigt, obwohl ihr vorne einsteigen sollt, in der Annahme, dass der Busfahrer keinen Nerv mehr auf Stress hat, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr schwarz fahrt, obwohl ihr euch problemlos Fahrkarten leisten könntet, seid ihr unsoziale Arschlöcher.
  • Wenn ihr euch bevorteilt und denkt, so lange man damit durchkommt, ist es okay, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr einer Partei deshalb beitretet, weil sie klein ist und ihr euch deshalb gute Chancen auf einen Platz in einem Parlament oder einer Parteifunktion ausrechnet, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Politiker seid und Fragen der Bürger nicht ehrlich und geradlinig beantwortet, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr als Politiker alles tut, um nicht transparent zu sein, Verantwortung zu tragen oder gar Rechenschaft schuldig zu sein, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr mit Schmutz werft, um Konkurrenten zu beschädigen, obwohl ihr wisst, dass die Anschuldigungen falsch sind, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr euch an Pöstchen festklammert, obwohl ihr euch falsch verhalten habt, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Verantwortung für Fehler auf eure Mitarbeiter abwälzen wollt, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr gegen gleiche Rechte für alle seid, egal wie ihr es begründet, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr mit eurem frischen EBS-MBA Leute herumkommandiert, ohne Ahnung von Geschäft oder sozialer Interaktion zu haben, Newsflash, ihr seid Arschlöcher.
  • Wenn ihr Frauen oder Männern oder irgendwem vorschreiben wollt, was sie anziehen dürfen oder was nicht, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Menschen vorschreiben wollt, mit wem sie wie konsensuellen Sex haben dürfen, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Druck auf Menschen ausübt, damit sie euren Vorstellungen von Schönheit entsprechen, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr eure Freundin oder euren Freund beleidigt oder emotional erpresst, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr einer Frau Anzüglichkeiten zu- oder nachruft, dann ist das kein Flirten, sondern Arschlochverhalten.
  • Wenn ihr abends direkt auf sie zusteuert, wenn sie euch entgegenkommt, dann ist das bedrohliches Arschlochverhalten.
  • Wenn ihr meint, ihr mitteilen zu müssen, dass ihr Asyl für die Nacht braucht und auch total gut im Bett seid, dann ist das kein lustiger Scherz, ihr seid schlicht Arschlöcher.
  • Wenn ihr anderer Menschen Erfahrungen mit Gewalt relativiert oder abtut, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr das Klischee reproduziert, dass Frauen einer Bevölkerungsgruppe irgendwelche besonderen negativen Attribute haben, ist das keine Satire, ihr seid Arschlöcher.
  • Wenn ihr Vergewaltigung trivialisiert, seid ihr nicht Querdenker, sondern Arschlöcher.
  • Wenn ihr sexuelle Gewalt kritisiert und ein „aber“ anschließt, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Menschen bedrängt, bis sie unehrliche Zustimmung geben, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr „kein Nein“ als „Ja“ lest, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr kein „Nein“ akzeptiert, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr lieber recht habt, als zu kommunizieren oder einer Person zu helfen, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr abschätzig über „die Ausländer“ redet, egal wie sehr ihr es relativiert, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr darüber lacht, dass Polen ja dauernd Autos klauen, seid ihr Arschlöcher.
  • Wenn ihr Obdachlose, Asylbewerber, Migranten, Hartz-IV-Empfänger, scheiße findet, statt die strukturellen Probleme zu hinterfragen, seid ihr nicht „liberal“, ihr seid Arschlöcher. (Wobei das in der deutschen Politik das gleiche zu sein scheint.)
  • Wenn ihr Vergewaltigung in der Ehe legitimieren wollt, seid ihr nicht konservativ, sondern Arschlöcher.
  • Wenn ihr Sex mit Kindern legalisieren wollt, seid ihr keine Freidenker, sondern Arschlöcher.
  • Wenn ihr irgendwem verbieten wollt, eine gleichberechtigte Partnerschaft gesetzlich legitimieren zu lassen, rettet ihr nicht das Abendland, sondern ihr seid Arschlöcher.
  • Wenn ihr total scharf-kritische Fragen zu irgendwelchen Texten über Gleichberechtigung, Feminismus, etc. stellt, seid ihr keine Philosophen, ihr seid nicht mal Trolle, ihr seid schlichtweg Arschlöcher.

Wir waren alle mal Arschlöcher. Lasst uns damit aufhören. Spätestens ab jetzt wäre gut.

Weiter lesen: Arschloch-Theorie, Moral der Fürsorge.

Es gibt keine technische Sicherheit

Die NSA-Affäre und der Überwachungsskandal sind nun seit einiger Zeit in den Medien, und neben den politischen Forderungen und dem sozialen Aktivismus gibt es auch wieder und wieder den Versuch, technische Lösungen zu propagieren. So wird die Benutzung von PGP/GPG empfohlen, TrueCrypt propagiert oder die Installation von Threema und Co. nahegelegt, um „sicher“ zu kommunizieren. Doch absolute Sicherheit kann es nicht geben.

Threema erklären zwar in ihren FAQ, welche Verschlüsselungsverfahren sie wie einsetzen, aber obwohl das alles richtig aussieht und sie einen Validator zur Verfügung stellen, ist der Quellcode der eigentlichen Anwendung nicht offen. Man kann also nicht überprüfen, ob ihre Aussagen wahr sind, ob es eventuell Drittschlüssel gibt, oder ob es Fehler in der Implementierung gibt. Womit ich keineswegs suggerieren will, dass Threema unfähig oder gar bösartig seien – aber Implementierungen, die nicht offen sind, sind eben nicht nachprüfbar.

Whisper Systems machen es mit RedPhone für verschlüsselte Telefonie und TextSecure für verschlüsselte SMS besser, indem sie den Quelltext offen legen. TrueCrypt ist zwar Open Source, aber man weiß nicht, wer dahinter steckt, und die Verschlüsselung ist nirgendwo begründet dargestellt. Außerdem werden immer mal wieder sicherheitsrelevante Änderungen vorgenommen, ohne dass die Intention dahinter klar ist. PGP/GPG sind von Beginn an Open Source und durch mehrfache Implementation vertrauenswürdiger. Allen gemein ist aber weiterhin, dass sie vornehmlich in Binärform verteilt und verwendet werden. Damit ist der Vorteil des offenen Quelltextes nur noch akademischer Natur – die Version, die ich herunterlade und ausführe, muss mit dem Quelltext nichts mehr zu tun haben. Und seit klar ist, dass die NSA auch SSL abhören kann, ist auch sicher, dass sie Downloads auch auf dem Weg austauschen könnte – selbst wenn man den Entwickler_innen vertraut, muss die Datei, die man bekommt, keineswegs auch die von den Entwickler_innen bereitgestellte sein.

Open Source ist eine notwendige Bedingung für Sicherheit, aber keine hinreichende. Auf der Oberfläche ist recht klar, dass man der binären Distribution nicht vertrauen kann. Systeme wie Apples App Store oder der Google Play Store können also per se nicht vertrauenswürdig sein – zu viele Beteiligte könnten die angebotenen Anwendungen modifizieren. Aber auch außerhalb der Walled Gardens gewinnt man nicht viel Sicherheit, so lange nicht jeder den Quelltext selbst überprüft und kompiliert. Alleine das Kompilieren erfordert ein so tiefgehendes Wissen, dass selbst gestandene Informatiker_innen damit ihre Probleme haben. Den Quelltext einer komplexen Anwendung zu überprüfen ist illusorisch. Selbst teure professionelle Audits, bei denen mehrere Sicherheitsforscher_innen mit viel Erfahrung über Wochen beschäftigt sind, finden nicht alle Schwachstellen.

Und dann bleibt da noch der Rest des Stacks: Die Programme laufen auf einem Betriebssystem, werden von einem Compiler übersetzt, benutzen vielen Bibliotheken, das ganze läuft auf CPUs, nutzt Festplatten und RAM. All diese Komponenten müssten überprüfbar sein. Doch nicht einmal dem Compiler kann man trauen, wie Ken Thompson in Reflections on Trusting Trust beschreibt, denn ein Compiler benötigt ebenfalls einen Compiler. Und selbst wer ihren Compiler von Hand per Hex-Editor eintippt, muss ihrem Editor und ihrem Prozessor vertrauen – ein Turtles all the way down-Problem. Wer nicht den gesamten Stack aus prüfbaren Bauteilen aufbaut, kann keine absolute Sicherheit haben.

Und deshalb sind technische Ansätze zwar wichtig, aber auf Dauer keine Lösungen. Bestenfalls werden die Angreifer_innen gezwungen, mehr Mittel aufzuwenden. Damit verlagern wir das Problem aber nur in die Zukunft. Gegen Geheimdienste muss politisch vorgegangen werden. Die Demokratie muss jede zu große Ansammlung von Macht bekämpfen – auch in sich selbst.

Eskapismus

Wenn das ganze Leben mit all seinen Forderungen und Zwängen einen früher zu sehr deprimiert hat, musste man sich in Drogen flüchten: Religion, Geld, Alkohol, Opium, Heroin. Oder man überredete einen König, eine Expedition in ferne Länder zu finanzieren. Oder man zettelte einen Krieg an.

Heute ist das mit Religion (zum Glück), Geld (it’s complicated), dem Opium (eh langweilig), den Expeditionen (Mangel an Geld bzw. Königen) und den Kriegen schwierig geworden, von Heroin und zu viel Alkohol lässt man auch lieber die Finger (wegen der Health-Consciousness), das Höchste der Gefühle ist mal ein angetrunkener One-Night-Stand nach zu vielen Cocktails.

Der Eskapismus ist tot.

Am nächsten Morgen geht es wieder ins Büro, Kernarbeitszeit 10-16 Uhr, der Job ist ja locker. Aber mindestens acht Stunden pro Tag werden schon erwartet, besser zwölf, wenn man nicht der faule Underachiever sein will, und der Kollege kommt um 6 Uhr und geht nie vor 21 Uhr, und auch dann nur, weil er ja Familie und so. Sie verstehen.

Und am Ende des Arbeitstages – Job title: Director of Hiding Frustration – geht man nochmal ne Runde Laufen, mit Runtastic, für die Facebook-„Freunde“, oder Fahrradfahren – nicht unter 50km, was sollen denn die Facebook-Freunde denken. Die Quote der verschwitzten Workout-Instagrams ist eh schon verdächtig niedrig.

Hat man sich im Job ausreichend aufgerieben, kann man dann endlich in Urlaub fahren. Aber nur ne Woche, die Projekte, natürlich. Und nicht in die touristischen Gebiete, da sind ja andere Reisende. All-inclusive ist eh für die Proleten, wer sich nicht in fließender Landessprache selbst von den lokalen Kleinbauern versorgt und mit Campingkocher oder wenigstens im Bungalow selbst kocht, kann auch gleich den Lonely Planet und lesen und sich mit den anderen Hipstern und Althippies über die beste heiße Schokolade austauschen.

Schließlich geht es zurück in die Schinderei. Es dauert nicht lange, bis die Ausbruchsgedanken wiederkommen. Aber wohin gehen und was tun? Selbstversorger in Brandenburg? Panama? Aussteigen ist nicht. Wer keine Steuern zahlt, der wird geholt; wer Steuern zahlt, kann sich genau so gut an die weiße heterosexuelle christlich-abendländische Mittelschicht anketten und dort lieber früher als später eingehen. Revolution? Da steht XKeyScore vor, zumindest behauptet das die NSA. Natürlich, sie haben eine Daseinsberechtigung zu verteidigen. Das allerdings ist für sie so einfach wie für niemanden sonst unter uns, denn Geheimdienste sind per se unfehlbar.

Geheimdienst müsste man sein.

Aus Datenschutzgründen

„E-Mail geht nicht, aus Datenschutzgründen“, sagt die professionell-freundlich gelangweilte Dame im Callcenter. „Also, Fax oder Post?“

Aber von Anfang an: Ich habe mehrere Konten und auch Kreditkarten bei der Hamburger Sparkasse. Im Gegensatz zu den meisten Sparkassen bietet die Haspa ihre Kreditkarten nicht direkt an, sondern vermittelt sie nur. Deshalb tauchen die Kreditkarten auch nicht Online-Banking auf und sind nicht per HBCI abrufbar, und wenn man die Abrechnungen einsehen will, muss man sich umständlich und langwierig (mit Briefen und so) bei First Data (Swisscom) anmelden.

Von denen bekommt man dann einen separaten Nutzernamen, der absolut nichts mit irgendwas zu tun hat und dann z.B. mit einem Unterstrich beginnt und die Zeichenfolge O01I enthalten kann. Ein Passwort darf man sich zwar selbst aussuchen, aber nur mit Einschränkungen. Nachdem man dann irgendwann seine Freischaltung per Post bekommen hat, kann man sich mit dem befremdlichen Nutzernamen und dem halbsicheren Passwort in ein unglaublich hässlichesfunktional gestaltetes Webinterface einloggen, wo man seine Kreditkartenstatements als PDF herunterladen kann. Also schonmal eine ziemlich schwache Leistung alles.

Jetzt wollte ich diesen Dienst seit längerem mal wieder nutzen. Die URL hatte ich gebookmarkt, aber sie ist immerhin auch im Online-Banking der Haspa verlinkt. Den Nutzernamen hatte ich mir aufgeschrieben, weil er tatsächlich zwei Unterstriche, einen Buchstaben, und eine Abfolge von ähnlich aussehenden Zeichen enthält. Auch das Passwort hatte ich in einem Passwort-Manager gespeichert.

Trotzdem funktionierte der Login nicht; mir wurde gedroht, dass nach drei Versuchen der Zugang gesperrt würde, und die Passwort-vergessen-Funktion bemängelte, ich habe keine Sicherheitsfrage (die eigentlich „Unsicherheitsfrage“ heißen sollte) definiert und könne daher kein neues Passwort beantragen. Statt dessen solle ich doch bitte eine Mail schreiben und mein Anliegen darlegen. Gute Karten (pun not intended) an einem Freitag Nachmittag. (Schon wenige Stunden nach der Mail kam die Antwort: Ein Autoreply, dass man meine Mail erhalten habe.)

Da ich aber trotzdem gerne zeitnah meine Kreditkartenabrechnung gesehen hätte, verfiel ich auf einen äußerst wagemutigen Plan: Ich rief bei meinem Bankberater an. Oder versuchte es zumindest. Eine freundliche, aber auch sehr leise und zurückhaltende Dame meldet sich bei der Haspa. Mein Bankberater ist im Urlaub, sein Vertreter telefoniert gerade, worum es denn ginge, fragt die Dame am Telefon. Ach, Kreditkarte, da könne sie in der Filiale sowieso nichts machen, sie würden die ja nur vermitteln. Auch Zugang zum Webinterface haben sie nicht, aber ich könne beim Kartenservice in Frankfurt anrufen, die könnten mir weiterhelfen. Sie gibt mir eine 01803-Nummer, und ich freue mich schon, diese von meinem Mobiltelefon anzurufen. Allerdings bekomme ich dort nur die Ansage, dass die Nummer sich „aus gesetzlichen Gründen“ geändert habe, und ich jetzt bitte eine Münchner(!) Festnetznummer anrufen solle.

Nach einer kurzen Wartezeit erreiche ich dort tatsächlich eine Mitarbeiterin. Ich beschreibe ihr mein Anliegen: Ich möchte ins Webinterface, alternativ zumindest irgendwie schnell meine aktuelle Abrechnung einsehen können. Für das Webinterface könnten sie nichts tun, da solle ich eine Mail schreiben, aber die Abrechnung sei „kein Problem“, sagt sie, und fragt mich erst nach meiner Kreditkartennummer und dann, „aus Sicherheitsgründen“, nach einigen persönlichen Daten. Schließlich fragt sie „Post oder Fax?“

Ich bin kurz verwirrt, bevor ich den Sinn der Frage erfasse und mit „E-Mail.“ antworte. Und dann kommt: „Das geht nicht.“ Ich gehe von einem Missverständnis aus und bitte nochmal darum, mir meine Abrechnung als PDF per E-Mail zu senden, aber bevor ich meine Mailadresse buchstabieren kann, sagt sie wieder: „Das geht nicht. E-Mail können wir nicht machen.“

Nun ist meine Neugier geweckt. „Warum nicht?“, frage ich zweimal, nachdem beim ersten Mal nur ein lapidares „Das geht nicht“ kommt. Auf die zweite Nachfrage antwortet sie dann leicht gereizt, „E-Mail dürfen wir nicht, aus Datenschutzgründen“.

Ungläubig frage ich nach. „Nachdem ich Ihnen über eine Telefonverbindung allerhand persönliche Daten genannt habe, können Sie mir meine Kreditkartenabrechnung, die ich sonst über das Web abrufe, nicht per Mail schicken, aber per Brief oder per Fax?“

Sie bejaht. Ich weise sie darauf hin, dass ich, wie wohl die meisten deutschen Privathaushalte, kein Faxgerät besitze, aber auch nicht mehrere Tage auf die Post warten will. Es nutzt nichts. Gut geschult wiederholt sie nur: „Es geht nur Post oder Fax.“

Ich erinnere mich, dass ich noch eine Voice-over-IP-Rufnummer habe, die auch Faxe unterstützt. Also suche ich die Nummer heraus und gebe sie ihr mit dem Hinweis, „da kann ich das Fax per E-Mail empfangen“. Das ist offenbar kein Problem. Wenige Minuten später habe ich eine E-Mail mit einem PDF eines Fax-gescannten Ausdrucks eines PDFs in der E-Mail-Inbox. Und meine Stirn hat einen deutlichen Handabdruck.

Ich wurde nach folgenden Daten gefragt: meiner Kreditkartennummer (nicht öffentlich, aber auch nicht schwer zu kriegen); meinem Namen (steht auf meiner Webseite); meiner Anschrift (steht auf meiner Webseite); meinem Geburtsdatum (steht bei diversen Social Networks); den ersten(!) drei Ziffern meiner Kontonummer (steht auf meiner Webseite, außerdem sind die ersten drei Ziffern bei den meisten Haspa-Konten der letzten Jahre gleich!). Schließlich konnte ich eine unverifizierte Faxnummer nennen, und schon habe ich mein Kreditkartenstatement. Womit ich dann meinen PayPal-Account, meine Amazon-Account und meinen Apple-Account übernehmen könnte. Aber E-Mail versenden?

Das geht nun wirklich nicht. Aus Sicherheitsgründen.

Wifi-Tracking in die Tonne

Wie ArsTechnica berichtet, hat die Firma Renew in London Mülleimer mit WLAN aufgestellt. Diese „Smart Bins“ erfassen und speichern die MAC-Adresse, eine weltweit eindeutige Nummer, die jedes netzwerkfähige Gerät erhält. Daraus kann man unter anderem den Hersteller des Geräts ablesen, manchmal auch das Modell. Renew möchte mit diesen Daten Bewegungsprofile erstellen und verkaufen. Sie schreiben dazu in ihrer Presserklärung:

The results provided a concise breakdown (to the 50th of a second) of the movement, type, direction, and speed of unique devices that the Renew Network gather across Renew ORB test sites, and help identify peak footfall times from key hotspots in the City of London.

The network figures accumulated over the week reached a total of 4,009,676 devices captured with over 530,000 uniques acquired.

Der Aufschrei der Datenschützer ließ nicht lange auf sich warten. Renew, Erfinder und Betreiber der Smart Bins, versteht die Kritik nicht. Sie vergleichen das Logging der weltweit eindeutigen MAC-Adresse von vorbeikommenden Mobiltelefonen mit der Verwendung von Cookies im Web. Diese sind jedoch auf die Kooperation des Browsers des Besuchers angewiesen und auch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Nicht zuletzt müssen Webseitennutzer in Großbritannien explizit ihre Einwilligung für die Verwendung der Cookies geben.

Mittlerweile hat sich der Stadtbezirk der „City of London“ eingeschaltet und die Smart Bins werden abgeschaltet. Das Problem ist damit aber nicht aus der Welt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verfolgen auch andere Entitäten solche Signale, schreiben aber keine Pressemitteilungen. Um die möglichen Auswirkungen dieses Trackings zu verstehen, ist es hilfreich, sich die technischen Hintergründe zu verdeutlichen.

Kabellose Netzwerkverbindungen nutzen Funkkanäle zur Kommunikation. Davon gibt es je nach Land und verfügbarem Frequenzspektrum 11–14 Stück im für diese Benutzung freigegebenen 2,4-GHz-Band. Jeder dieser Kanäle ist ein gemeinsames Medium, auf dem alle Teilnehmer kommunizieren.

Um nun eine Liste der verfügbaren WLAN-Zugangspunkte (Access Points, APs) in der Umgebung zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten – passive Scans und aktive Scans. Beim passiven Scannen bucht sich das suchende Gerät nacheinander in alle verfügbaren Kanäle ein und wartet dann eine Zeitlang, ob es eine Ankündigung von einem Zugangspunkt empfängt. Das dauert etwa 100ms, eher länger, also deutlich über eine Sekunde für das gesamte Kanalspektrum. Daher nutzen die meisten Geräte heutzutage den passiven Scan höchstens, um festzustellen, ob überhaupt irgendein WLAN in der Nähe ist, und dann auf einen aktiven Scan umzuschalten.

Bei einem aktiven Scan sendet die anfragende Station auf jedem Kanal eine Anfrage nach verfügbaren Access Points. Diese antworten darauf mit ihrem Namen und ihrer Adresse. Access Points, deren Name versteckt ist (Hidden SSID), antworten darauf nur, wenn sie „erwähnt“ werden. Zu diesem Zweck schickt der suchende Teilnehmer eine Liste von ihm bekannten Zugangspunkten inklusive Namen – im Zweifelsfall sind das alle gespeicherten APs. Da der Scan aktiv ist, enthält er außerdem immer die weltweit eindeutige MAC-Adresse des Geräts.

Nur durch das passive Mitlauschen auf allen Kanälen kann man so also feststellen, welche Geräte von welchen Herstellern zu welcher Zeit in welcher Gegend aktiv waren, häufig auch, welche Access Points diese bereits gespeichert haben. Ein einzelner AP kann dabei nur eine ungefähre Entfernung zur eigenen Position bestimmt. Betreibt man mehrere APs, kann man die Position hingegen sogar auf wenige Zentimeter triangulieren. Die MAC-Adresse eines Geräts kann zwar theoretisch häufig softwareseitig geändert werden, praktisch tut das aber niemand: Nutzer von Apples iOS-Geräten erlaubt Apple die Änderung gar nicht erst, Nutzer von Android-Geräten hätten es zwar etwas einfacher, manipulieren ihre MAC aber auch höchst selten.

Nur mit diesen Daten kann man schon pseudonyme Profile erstellen – allein die Bewegungsmuster von Menschen sind sehr eindeutig. Kombiniert mit der Liste der bekannten APs kann man häufig schon einen Namen ableiten. Um die Profile mit Realnamen zu verknüpfen, genügt es, z.B. eine Liste von Kreditkartentransaktionen im gefragten Zeitraum abzugleichen: Bei Starbucks im Wifi eingebucht und Kaffee gekauft? Dabei die Kreditkarte oder Kundenkarte genutzt? Schon nach wenigen Transaktionen ist die Zuordnung eindeutig.

Aber auch weitergehende Angriffe sind denkbar und leicht ohne das Risiko einer Entdeckung durchzuführen. Man stelle sich zum Beispiel vor, jemand würde in der ersten Klasse eines ICEs der Deutschen Bahn einen Access Point mit dem Namen „Telekom_ICE“ aufmachen. Die Laptops und Smartphones der Vielreisenden buchen sich ein; manche werden sich vielleicht sogar einloggen und dem Angreifer so ihre Anmeldedaten geben.

Was man alleine aus den Verbindungsversuchen diverser Anwendungen auslesen kann, zeigt das CreepyDOL-Projekt gut. In Verbindung mit F-BOMB ist es ein vollständiges Ausspähsystem zu einem kleinen Preis. Und was die Bewegungsdaten über eine Person verraten, hat Malte Spitz mit seiner Bestandsdatenauskunft deutlich gemacht. Im Gegensatz zu Mobilfunkverbindungen können WLAN-Daten noch viel einfacher mitgeschnitten und ausgewertet werden. Die Implikationen müssen wir uns bewusst machen – denn diesen Geist bekommt man nicht wieder in die Flasche zurück.

Rückzug ist keine Option

Überwachung ist überall. Nun ist sie endlich auch in den Medien angekommen. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden wird man nicht mehr müde angelächelt, wenn man von Echelon und Geheimdienstlichen Eskapaden redet. Die Reaktionen auf diese veränderte Realität sind jedoch mehr als durchwachsen. Und es werden die falschen Prioritäten propagiert.

Zwischen NSA, GCHQ, BND und anderen Geheimdiensten wird unsere gesamte Telekommunikation überwacht. So kann man wohl zusammenfassen, was jetzt nach und nach dank Whistleblowern und Aktivisten ans Licht kommt. Wir müssen also davon ausgehen, dass keine Kommunikation mehr privat ist, außer, wir treffen besondere Vorkehrungen wie Verschlüsselung.

Der eigentliche Skandal neben der fehlenden Reaktion der Politik ist aber, dass in der öffentlichen Diskussion immer wieder die Pflichten verkehrt werden: „Bürger, wenn du nicht willst, dass deine Mails gelesen werden, so nutze Verschlüsselung!“ Wer seinen Standort nicht kontinuierlich verfolgbar haben möchte, muss sein Mobiltelefon eben abschalten, am besten auch den Akku rausnehmen – und auch WLAN und Bluetooth darf man nicht mehr nutzen, weil mittlerweile sogar werbetreibende Unternehmen diese Dienste für Tracking und Profiling missbrauchen.

Halt. Hier läuft doch etwas falsch. Der Bürger soll in der modernen Zeit auf das Smartphone verzichten, nicht mehr erreichbar sein, beim Mailversand zusätzlichen Aufwand betreiben, keine sozialen Netzwerke nutzen und am besten das Haus gar nicht mehr verlassen? Oder eben akzeptieren, dass das Smartphone getrackt, die Bewegungsdaten gesammelt, die Mails gelesen, Profile erstellt und von öffentlichen Kameras Gesichter erkannt werden? Mit der gleichen bizarren Logik könnte man von schwächeren Vekehrsteilnehmern wie Radfahrern und Fußgängern verlangen, doch bitte auf die Autos Rücksicht zu nehmen (oder Helme zu tragen). Helme, Protektoren und Polster für Fußgänger, damit die Autos schneller und rücksichtsloser fahren können.

Keine technische Diskussion oder Entwicklung wird hier eine angemessene Lösung finden. Eine Lösung kann nur politisch sein und muss aus der Breite der Gesellschaft unterstützt werden. Und der Onus darf hier nicht auf den Bürger oder den Nutzer gelegt werden, wie es gerade mit einer Rhetorik à la „Verschlüssele! Achte darauf, mit wem du dich umgibst!“ geschieht. Neben der konkreten Überwachung und den bei algorithmischer Überwachung zwangsläufig zu erwartenden Fehlern führt ein solches allgegenwärtiges Tracking auch zu einer Schere im Kopf. Eine freie Gesellschaft kann und darf das nicht akzeptieren. Die Forderung muss vielmehr vehement lauten: Überwacht uns nicht!

Spätestens seit den Anschlägen des 11. September leben wir in einer Kultur der Angst. Für diese Ängste gibt es gute Gründe: Ideologie, Profit, und Kontrolle sind die wichtigsten davon. Geheimdienste sind ähnlich wie der militärisch-industrielle Komplex ein Selbstzweck, ein Krebs in Gesellschaft und Politik. Wird er nicht früh erkannt und bekämpft, wuchert und metastasiert er. Um den Apparat am Leben zu halten, müssen immer neue Bedrohungen herangezogen werden, die weitere Ausgaben oder weitere Einschränkungen der Bürgerrechte legitimieren. Gleichzeitig wehrt sich dieser Organismus im Organismus gegen externe Bedrohungen: Aktivisten sind verdächtig, besonders wenn sie begründete Kritik äußern und verbreiten können. Nicht umsonst beschreibt die NSA ihre Gegner als „activists, hackers, twentysomethings“: Mediale Macht, die man nicht kontrollieren kann, ist die größte Bedrohung für eine Entität, deren Existenz davon abhängt, die öffentliche Meinung steuern zu können.

Genau darum muss die Öffentlichkeit eine klare Meinung entwickeln und zeigen. Eine, die sich nicht auf „nutzt kein Facebook“ oder „verschlüsselt eure Mails“ zurückzieht. So lange es noch eine Chance gibt, Geheimdienste & Co. parlamentarisch zu kontrollieren, müssen wir sie ergreifen. Die Alternative ist, dass der Krebs den politischen Körper auffrisst und dann mit ihm stirbt. Im Gegensatz zu Parasiten haben solche Wucherungen kein Interesse am Überleben des Wirtskörpers. Sie sind reine Egoisten. Uns aber sollte etwas an unserer Freiheit und Demokratie liegen.

Die Zivilgesellschaft ist der direkte Gegner der Geheimdienste. Daher müssen die Dienste stärker kontrolliert oder abgeschafft werden. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, Briefe an die Abgeordneten und die Presse zu schreiben, und deutlich zu machen: Ein Rückzug der Gesellschaft ist nicht die Lösung.

Jetzt mit weniger Haftung

Verified by VISA bzw. das MasterCard-Äquivalent SecureCode sind übelste Grütze. Hinter den nichtssagenden Marketingnamen verbirgt sich 3-D Secure, ein von VISA entwickeltes Verfahren, bei dem man sich bei Kreditkartentransaktionen im Netz gegenüber der kartenausgebenden Bank authentifiziert.

Dahinter steckt natürlich einzig der Versuch von VISA und MasterCard, die Haftung für Kreditkartenmissbrauch loszuwerden. Üblicherweise bekommt man, wenn irgendwelcher Schindluder mit der eigenen Kreditkarte getrieben wird, anstandslos das verlorene Geld zurück. Da mit der Verbreitung der Kreditkarte und des Internets aber auch der Missbrauch zugenommen hat, suchten die Kreditkartenanbieter natürlich nach Wegen, diese lästige Sache zu minimieren, um mehr Profit zu scheffelnum die Sicherheit und den Komfort für den Kunden zu erhöhen.

In der Umsetzung gibt es allerdings einige dicke Probleme, neben dem Umstand, dass das Verfahren den Kunden in Haftungsfragen schlechter stellt.

Zum einen sehen die Zwischenschaltseiten aus wie übelst billige Phishing-Versuche (außer, dass die echten Phisher mittlerweile deutlich bessere Seiten bauen, Ironie des Schicksals). Die vorherrschende Lösung ist, dass der Kunde ein zusätzliches Passwort eingeben muss – sich also ein weiteres Passwort merken. Angelegt wird das Passwort bei der ersten Benutzung von 3-D Secure – jeder, der die Daten der Karte hat, kann also ein Passwort anlegen und nutzen.

Zum anderen werden sie gerne mal in IFRAMEs eingebettet, womit auch die letzte Illusion von Sicherheit dahin ist. Die übergeordnete Seite kann zwar mittlerweile nicht mehr beliebig auf den Inhalt des IFRAMEs zugreifen, aber die meisten Nutzer haben nicht das Wissen oder schlicht nicht die Muße, zu prüfen, ob das wirklich der erwartete IFRAME ist. Die üblichen Indikatoren wie die URL-Leiste oder der SSL-Marker sind nicht sichtbar. Die Alternativen zur IFRAME-Einbettung wären übrigens Pop-ups (häufig mit reduziertem Browser-Interface) oder Zwischenschaltseiten (ungern genutzt, weil sie den Käufer komplett aus der kontrollierten und designten Shopumgebung herausreißen).

Zumindest bei den Sparkassen und der Deutschen Bank war es übrigens auch bisher so, dass man 3-D Secure nicht ablehnen konnte, auch wenn die Formulierung im Anmeldefenster anderes suggerierte. Wer nicht mit 3-D Secure spielen wollte, wurde dann einfach kommentarlos zurück in den Shop geschmissen, mit einer nichtssagenden Fehlermeldung.

Wenn man dann in der Wikipedia liest:

Mittlerweile wird von jedem deutschen Acquirer – den Unternehmen, die Händlern die Kartenakzeptanz vermitteln – die Implementierung von MasterCard SecureCode oder Verified by Visa verpflichtend auferlegt.

Tröstet einen auch das nicht (selber Ort):

Die deutsche Kreditwirtschaft hat allerdings im Mai 2011 gegenüber der Stiftung Warentest zugesichert, dass bei Benutzung der neuen Verfahren keine Schlechterstellung deutscher Bankkunden zu befürchten sein soll.

Alles nerviger und schlechter für alle, aber immerhin sichern die Banken gegenüber der Stiftung Warentest zu, dass schon alles okay sei. Dazu bedurfte aus nur dreier Jahre und mehreren medienwirksamen Missbrauchsfällen.

This is the future. Future is now.